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25.07.2017

"Du willst mir wohl 'nen Diesel verkaufen!"

Abgasskandal findet Eingang in deutsche Alltagssprache


Der Skandal um gefälschte Abgaswerte deutscher Diesel-PKW ist in aller Munde - und zwar in doppelter Hinsicht. Wie Prof. Dr. Martin Dengeroth, Dozent für Angewandte Linguistik an der Universität Tübingen, feststellt, hat sich die Abgasaffäre längst im allgemeinen Sprachgebrauch niedergeschlagen.

Dem Sprachwissenschaftler zufolge hat die Allgegenwärtigkeit des Skandals dazu geführt, dass traditionell überlieferte Sprichwörter und Redewendungen modifiziert wurden: "Bilder von Spielkarten oder aufgebundenen Bären rücken zusehends in den Hintergrund. Wer heute um eine Atmosphäre des Vertrauens bemüht ist, fordert seinen Gesprächspartner auf, 'alle Abgaswerte auf den Tisch zu legen'. Wer sich getäuscht fühlt, bezichtigt den anderen, ihm 'einen Diesel verkaufen' zu wollen."

Dengeroth, der seit zwölf Jahren in Tübingen lehrt, beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Einfluss gesellschaftlicher Thematiken auf die deutsche Sprachentwicklung. Das Thema Abgasskandal veranschauliche gut, wie Sprache stetiger Veränderung ausgesetzt sei, so der Professor. Aus seiner aktuellen Vorlesungsreihe zum Thema hat er noch weitere Beispiele parat:

"Gespenster oder begossene Pudel haben bald ausgedient. Wer heute verdutzt guckt, wird gefragt, ob er 'etwa einen sauberen Diesel gesehen' habe. Wer kleinlaut und beschämt ist, steht da 'wie ein überprüfter Diesel'."

Auch Athener Eulen oder Kaninchen und Schlange werden Dengeroth zufolge immer weniger bemüht. "Wer etwas Überflüssiges tut, fährt heute 'einen manipulierten Diesel nach Wolfsburg'; wer eingeschüchtert ist, fühlt sich 'wie ein Diesel unter dem Blick eines Abgaskontrolleurs' ". Der Linguist ist überzeugt davon, dass die neuen Ausdrücke auch bald Eingang in orthografische Wörterbücher wie den Duden finden werden.


Die Vorlesungsreihe "Das stinkt zum Himmel - die deutsche Automobilindustrie als Beispiel für Sprachwandel" von Prof. Dr. Martin Dengeroth ist erhältlich bei Springer für 16,95.

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