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postfaktisch. präfaktisch. außerfaktisch.

„Alexa, lass das!“

Die Eltern eines fünfjährigen Mädchens haben ein Problem mit ihrem Echodot.

Erol und Carina Knischewski hatten sich nichts dabei gedacht, als sie ihre neugeborene Tochter vor fünf Jahren „Alexa“ nannten. „Wir wollten einen ungewöhnlichen Namen, den man sich trotzdem leicht merken kann und der sich gut rufen lässt“, erzählt Carina. „Da hatte Erol die Idee zu dieser Kurzform von Alexandra; so hieß seine Oma.“ Von dem gleichnamigen Amazon-Sprachassistenten erfuhren die Knischewskis erst gut drei Jahre später. „Ein Junge aus dem Kindergarten erzählte Alexa, dass der Lautsprecher seines Vaters so heißt wie sie. Alexa hat sich da aber nicht dran gestört; unser Wasserkocher heißt schließlich wie ihre Cousine und unser Klopapier wie die Nachbarin.“ Problematisch wurde es dann erst vor einem halben Jahr, als Erols Eltern dem Paar zum zehnten Hochzeitstag nichtsahnend einen internetbasierten Lautsprecher von Amazon schenkten.

Wir hatten erst überlegt, ihn umzutauschen. Aber unsere Tochter fand es so lustig, eine Namensgenossin im Haus zu haben und bestand darauf, dass wir ihn behalten.“ Erol und Carina versuchten die Sache ebenfalls mit Humor zu nehmen, doch das wollte ihnen schon bald nicht mehr gelingen. „Man vergisst die Namensgleichheit im Alltag“, erzählt Erol, „und dann sagt man den Satz 'Alexa, komm her!', und wird vom Gerät zum zwanzigsten Mal darüber aufgeklärt, dass es zwar portabel sei, sich aber leider nicht selbsttätig bewegen könne. Irgendwann nervt das einfach.“ Das Zusammensein mit der Tochter werde durch die Einmischung des Lautsprechers nicht selten erheblich gestört, meint Carina. „Wenn ich zum Beispiel sage, 'Alexa, du bist ein Schatz', dann erwarte ich als Reaktion ein Küsschen oder eine Umarmung und nicht die Mitteilung 'Es freut mich, dass Sie mit meinen Funktionen zufrieden sind.' Das Kind lacht über das Gerät, und schon wurde man um einen intimen Mutter-Tochter-Moment betrogen.“ Erol nickt zustimmend und hat gleich ein weiteres Beispiel parat: „Als unsere Kleine neulich schlammverschmiert vom Spielen kam, meinte ich 'Alexa, wie siehst du denn aus?' Die Reaktion war 'Es gibt mich in vier verschiedenen Ausführungen.' Meine Tochter verschwand kichernd in ihrem Zimmer, und der Erziehungsversuch war für die Katz.“ Vergleichbar eine Situation, an die sich Carina erinnert: „Ich sage mahnend: 'Alexa, das Tablet war schweineteuer!', woraufhin mir der Lautsprecher die aktuellen Angebote preisgünstiger Tablets vorliest. Darauf unser pfiffiges Kind: 'Siehst du, kann ich ruhig kaputt machen, gibt es auch in billig.'“

Abgesehen von der unerwünschten Einmischung in die Familienkonversation komme es durch die Namensgleichheit sogar zu handfesten Fehlfunktionen. „Einmal sagte ich 'Alexa, das ist jetzt das letzte Hanuta!', und der Echodot bestellte eine Großpackung Schokowaffeln“, erzählt Carina. Ihr Mann hat etwas ähnlich Ärgerliches erlebt: „Ich hörte über den Echodot Nachrichten und sagte zu meiner Tochter: 'Alexa, sei mal gerade still!'

Trotz der Schwierigkeiten ist der Gedanke, sich von dem Echodot zu trennen, zunehmend undenkbar. „Da sind doch jetzt die ganzen Apps drauf, die wir täglich brauchen“, sagt Carina. Die Nachfrage bei Amazon, ob es möglich sei, den Sprachassistenten umzubenennen, wurde leider negativ beantwortet. Nach längerem Beratschlagen haben die Knischewskis jetzt aber eine Lösung gefunden. „Wir haben mit unserer Tochter gesprochen. Sie ist damit einverstanden, dass sie für den Hausgebrauch einen Ausweichnamen bekommt“, sagt Erol erleichtert. Den Namen werde man gemeinsam aussuchen. „'Siri' wird es jedenfalls nicht“, stellt Carina schon mal fest.