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Anti - find ich gut!


Anti-Haltung liegt in Deutschland gerade ganz hoch im Kurs. Nachdem die Bertelsmann-Stiftung eine aktuelle Studie zu dem Thema veröffentlicht hat, ist nun auch die Politik auf den Trend aufgesprungen: Anti-SPD, Anti-CDU und Co. sind wie Pilze aus dem Boden geschossen. Politikforscherin Marlis Bernhäuser-Gröll hat sich mit dem Phänomen befasst.

Frau Bernhäuser-Gröll, wie lässt sich die so plötzliche Geburt so vieler neuer Parteien erklären?

Bernhäuser-Gröll: Die neue Bertelsmann-Studie hat „negative Parteiidentitäten“ veröffentlicht, von deren Prozentzahlen die etablierten Parteien nur träumen können. Da lag die Gründung von Negativ-Parteien quasi auf der Hand.

Aber normalerweise nimmt die Gründung einer neuen Partei eine gewisse Zeit in Anspruch.

Bernhäuser-Gröll: Nicht in diesem Fall. Bei einer Partei, deren einziges Prinzip es ist, die Grundsätze einer anderen abzulehnen, schreibt sich das Parteiprogramm praktisch von alleine. Es müssen ja nur alle Sätze konsequent ins Gegenteil gekehrt werden. So ergibt es sich dann ganz logisch, dass die Anti-AFD für „Masseneinwanderung statt Kinder“ plädiert und die Anti-FDP fordert, Lesen, Schreiben und Rechnen aus dem Unterricht zu streichen. Langwierige Grundsatzdiskussionen sind bei so einem simplen Schema überflüssig, und die Negativ-Partei ist im Handumdrehen aus der Taufe gehoben.

Aber kann man mit Forderungen wie der „Etablierung einer brutalen und ungerechten Weltordnung“(Anti-SPD) oder dem „Abbau des europaweiten Schienennetzes“(Anti-Grüne) wirklich Leser überzeugen?

Bernhäuser-Gröll: Was meinen Sie mit „Lesern“ und mit „überzeugen“?

Na, ist das Parteiprogramm nicht das Instrument, mit dem man Wähler gewinnt?

Bernhäuser-Gröll: Aber ich bitte Sie! Kein Mensch liest Parteiprogramme.

Sie meinen also, die Sympathisanten der Anti-Linken wissen gar nicht, dass ihre Partei „bewährte Diskriminierungs-Formen  konsequent fortführen“ möchte?

Bernhäuser-Gröll: Um solche Einzelheiten geht es doch gar nicht. Die Leute wählen die Anti-Linke, weil sie gegen die Linke ist. Das reicht als Inhalt vollkommen aus.

Aber was ist, wenn die Anti-Parteien wirklich an die Macht kommen? Ist es nicht schwierig, mit einer Partei zusammen zu arbeiten, die findet, dass Deutschland ein „fürchterliches Land“ ist, in dem es „keinen Sinn macht zu leben“(Anti-CDU)?

Bernhäuser-Gröll: Mein Eindruck ist eher, dass die Politiker der etablierten Parteien die Neulinge als Bereicherung wahrnehmen. Gerade heute sprach ich mit einem Bundestags-Abgeordneten über dieses Thema. Er meinte, dass seine Partei mit der Anti-SPD, den Anti-Grünen, der Anti-Linken und der Anti-AFD ohne Vorbehalte bereit wäre, Regierungsgespräche zu führen.

Obwohl die Anti-AFD laut ihrem Programm die „Vollverschleierungs-Pflicht in allen öffentlichen Räumen“ durchsetzen und die Anti-SPD die „materielle Ungleichheit stärker ausbauen“ will?

Bernhäuser-Gröll: Ach, wissen Sie, bei der Wahl des Koalitionspartners geht es doch nur um eine gemeinsame Basis. Wenn man in der Sache, dass man die SPD ablehnt, einer Meinung ist, ist das eine gute Voraussetzung für eine harmonische Zusammenarbeit.

Das Regierungsprogramm eines anti-SPD-dominierten Bündnisses bestünde dann vermutlich aus einem einzigen Satz: „Die SPD ist nicht wählbar“. Könnte Deutschland mit diesem Statement auch international punkten?

Bernhäuser-Gröll: Das kann ich nicht beantworten. Es wäre das erste Mal, dass sich eine Regierung für eine weltweite Ächtung der deutschen Sozialdemokraten engagiert. Eines wird aber jetzt schon deutlich: Der Anti-Trend könnte politisch einiges verändern. Ich erwarte die Europawahl mit Spannung.

Danke für das Gespräch.