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Reich mir Deine Avocado-Hand!

Immer mehr Menschen fügen sich beim Entkernen von Avocados teils schwere Schnittverletzungen zu. Der Verletzungs-Trend 'Avocado-Hand' brachte eine alleinstehende junge Frau auf eine Idee.

Die Avocado ist in den letzten Jahren vom Bioladen-Nischenprodukt zum Mainstream-Superfood avanciert. Eine der Folgen dieses Siegeszugs: Immer häufiger haben es Chirurgen mit der sogenannten „Avocado-Hand“ zu tun: spezifischen Handverletzungen, die entstehen, wenn man beim Versuch, eine Avocado zu entkernen, mit dem Messer am Kern abrutscht.

Britta S. liebt gesunde Lebensmittel und natürlich auch Avocados. Verletzt hat sie sich beim Avocado-Entkernen noch nie. Ein Bekannter, der in der Notfall-Ambulanz arbeitet, erzählt ihr eines Tages von den immer mehr um sich greifenden 'Avocado-Händen' – und bringt die 27-jährige Single-Frau auf eine Idee.

„Ich hatte gerade mal wieder ganz schlechte Erfahrungen mit Online-Partnerbörsen gemacht. Die Typen erzählen einem ja das Blaue vom Himmel. 'Klar, gesunde Ernährung ist mir total wichtig!', heißt es, und zuhause hat er dann zufällig gerade nur Tütensuppen und Tiefkühlpizzen anzubieten. Nee, mit dem Thema war ich durch, blieb am Wochenende lieber mit 'nem guten Buch zuhause, anstatt zu daten. Aber dann schoss mir plötzlich dieser Gedanke durch den Kopf: Eine Avocado-Hand – wenn das nicht ein absolut untrügliches Zeichen für vorbildliche Ernährungsvorlieben ist!...“

Britta zögert nicht lange und verlegt ihre Wochenendlektüre kurzerhand auf den Wartesaal der Notfall-Ambulanz. Tatsächlich lässt der erste Avocado-Hand-Fall nicht lange auf sich warten – leider eine Frau. „Wir haben uns nett unterhalten und Rezepte ausgetauscht“, erzählt Britta. Dann, etwa eine Stunde später, der erste Mann. „Er sah ganz nett aus, kam auch vom Alter ungefähr hin“, erinnert sich die Rohkostfreundin. Doch dann die Enttäuschung: „Im Gespräch gestand er mir, dass er sich extra in die Hand geschnitten hatte – um nie wieder Avocados zubereiten zu müssen. 'Meine Freundin liebt dieses ganze gesunde Zeug, aber ich habe eine Allergie gegen alles, was grün ist. Das waren mir die Schmerzen wert.' Britta widmet sich etwas resigniert wieder ihrem Roman, überlegt schon, den Plan wieder aufzugeben. Doch dann, nach dreieinhalb Kapiteln, betritt ER den Wartesaal.

„Er hatte so einen süßen, leidenden Gesichtsausdruck“, erinnert sich Britta. „Als ich mich zu ihm setzte und ihn Anteil nehmend fragte, ob er sehr große Schmerzen habe, antwortete er 'Ach nein, so schlimm ist es gar nicht. Es tut mir nur so entsetzlich leid um die schöne Avocado. Ich habe sie mit Blut vollgetropft und einfach auf dem Küchentisch liegen lassen. Jetzt wird sie braun und keiner wird sie mehr essen. Dabei sind Avocados doch soo lecker und soo gesund; es ist wirklich ein Jammer!'“ Worte, die der einsamen Gemüseliebhaberin direkt ins Herz treffen.

Britta und Avocado-Hand-Besitzer Fabio sind jetzt seit zwei Wochen ein Paar. Die gemeinsame Vorliebe für gesunde Ernährung habe das Kennenlernen leicht gemacht, erzählt Britta. „Wir waren da einfach sofort auf einer Linie“, schwärmt sie. Schnell habe man sich zum Kochen verabredet. Fabios leicht tollpatschige Art, sein schüchternes Lächeln und die treuen blauen Augen hätten dann ihr Übriges getan.

Bis Fabios schwere Handverletzung ganz verheilt ist, ist das Entkernen von  Avocacos natürlich Brittas Aufgabe. Leider kam es dabei gestern zu einem Zwischenfall. „Ich muss irgendwie mit dem Messer auf dem Kern ausgerutscht sein, und plötzlich hatte ich mir in die Hand geschnitten. Musste in die Notfall-Ambulanz. Na ja, es gibt Schlimmeres. Wir haben uns dann einfach was Leckeres beim Chinesen bestellt“, sagt sie und sieht ihrem Fabio verliebt in die Augen.