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Tafel-Sonderposten „Faule Eier“ läuft wie warme Semmeln

Eigentlich werden verdorbene Lebensmittel bei der Berliner Tafel nicht ausgegeben. Aber die Kundenwünsche haben sich mit dem vergangenen Wochenende geändert.


„Die wollten wir gleich heute Nachmittag wegwerfen“, sagt Gerlinde Siebrecht, Tafel-Mitarbeiterin in Berlin-Mitte, während sie eine weitere Palette des heutigen Sonderpostens am Tresen aufbaut. Immer mal wieder kommt es vor, dass Supermärkte Lebensmittel zur Verfügung stellen, die bereits verdorben sind, ob versehentlich oder um die Kosten für die Entsorgung zu sparen. Die Sachen würden natürlich aussortiert und nicht den Kunden angeboten. Normalerweise. „Immer wieder diese Anfragen. Hatte ich so noch nicht erlebt, dass die Leute gezielt nach faulen Eiern fragen. Na, und da haben wir sie kurzerhand alle aus dem Lager geholt und mit ins Angebot genommen.“ Genauso die überreifen Tomaten, der zweite Sonderposten, der seit Montag „erfreulich gut“ angenommen werde.

Was die Kunden mit den Sonderposten anfangen wollten, weiß die 45-Jährige nicht. „Da fragen wir nicht nach“, sagt sie. Meist sei ja auch gar keine Zeit, um sich zu unterhalten, wegen des großen Andrangs. Nur ganz selten könne man mal ein wenig Smalltalk halten. Dann gehe es um alles Mögliche. Momentan sei zum Beispiel Politik ein großes Thema. „Der Jens Spahn mit seiner Äußerung vom Wochenende, dass Hartz-IV nicht Armut bedeute, und dass in Deutschland jeder das bekommt, was er zum Leben braucht, das hat schon viele hier sehr aufgeregt“, erzählt sie.

Bei den wartenden Bedürftigen ist der CDU-Politiker während unseres Aufenthalts tatsächlich in aller Munde. Sie habe den Jens Spahn schon öfter mal auf dem Wochenmarkt getroffen, erzählt uns die Tafel-Kundin Verena S., während sie sich eine der überreifen Tomaten einpacken lässt. Die 37-Jährige hilft dort einer Bekannten aus, in Begleitung ihres 5-jährigen Sohnes, der übrigens für sein Alter „schon ganz hervorragend“ werfen könne. Auf unsere Frage, ob das Hartz-4-Geld denn zum Leben reiche, lacht sie. „Na logo“, kommt die Antwort. „Vier Euro dreiundachtzig, so viel kann man doch kaum verputzen am Tag.“ Eine Rentnerin mischt sich in das Gespräch. „Wissen Sie, man lernt da mit der Zeit ein paar Tricks“, erzählt sie mit sichtlichem Stolz. So könne man Hackfleisch ganz prima mit eingeweichten Brötchenresten strecken. Auch habe sie festgestellt, dass man besser satt werde, wenn man jeden Bissen mindestens fünf Minuten lang im Mund behalte. Wir fragen nach den Gläschen mit Babynahrung, die sich die ca. 70-Jährige einpacken lässt. „Nein, das sei nicht für sie, erklärt sie, sondern für ihren Mann, dem das Geld fehle, um sich die Zähne machen zu lassen. Dann verschwindet sie, ohne uns ihren Namen zu verraten.

Ob bei einem sehr eng bemessenen Budget denn nicht die Freizeitgestaltung leide, wollen wir noch von Verena S. wissen. Sie lacht wieder. „Ich bin alleinerziehend, und wir haben keinen Kita-Platz, zum Thema 'Freizeit' müssen Sie wen anders befragen.“ Dann lässt sie sich doch noch eine weitere der überreifen Tomaten einpacken. „Mit dem Zielen hat der Kleine manchmal noch Probleme“, sagt sie.