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Fleisch, Schweiß und Muskeln

Mann entdeckt, dass man Fleischstücke auch innerhalb des Hauses herumwenden kann

Moritz ist ein richtiger Mann. Entsprechend steht er von Mai bis Oktober an jedem trockenen, einigermaßen warmen Wochenende im Garten des Mehrfamilienhauses am Grill. „Das Feuer muss entfacht und die hungrige Hausgemeinschaft mit gut durchgegarten Stücken frisch erlegter Tiere versorgt werden“, fasst der bodenständige 27-Jährige seine wichtige urmännliche Aufgabe zusammen. Mit der Herausforderung, die vorigen Samstag auf ihn zukam, hatte Moritz allerdings nicht gerechnet.

„Ich ging in den Keller, um den Kohlensack zu holen. Während ich die Kellertreppe Richtung Garten aufstieg, spürte ich bereits dieses angenehme Kribbeln, wenn das Testosteron den Körper durchflutet“, erzählt er. Doch dann das: Regen, entgegen der Vorhersage. Freundin Caro will die anderen Mietparteien informieren und das Grillen absagen, als dem findigen Tausendsassa eine sensationelle Idee kommt: „Ich dachte, was draußen geht, könnte doch auch im Haus funktionieren.“ Moritz, immer schon ein Mann der Tat, macht sich ohne zu zögern auf die Suche nach einem Ort, wo sich innerhalb der Wohnung Fleischberge garen lassen, und wird fündig.

Caro erinnert sich. „Er stand mit Sonnenbrille oben ohne am Herd, den Pfannenwender in der einen und zwei Flaschen Bier in der anderen Hand, und hatte diesen sehr ernsten, sehr konzentrierten, sehr maskulinen Blick. Ich spürte sofort: Dies ist eine echte Männer-Angelegenheit; hier bin ich fehl am Platze.“

Das Experiment gelingt: Der furchtlose Grillexperte wendet und gart die blutigen Fleischstücke komplett innerhalb der eigenen Wohnung. „Er hat sogar alles wie gewohnt leicht angebrannt und ordentlich mit Bier abgelöscht“, erzählt die immer noch verblüffte Caro, während sie den Küchenboden wischt. Moritz, von jeher ein bescheidener Typ, zieht ein simples Resümee: „Eigentlich habe ich nur das, was Generationen von Männern unter freiem Himmel getan haben, in einen geschlossenen Raum verlegt.“ Aber ein kleines Bisschen Stolz schwingt in seinen Worten dann doch mit.