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"Die Dusch-App funktioniert nicht!"

Psychologen schlagen Alarm: "Digital Natives" im Alltag immer häufiger überfordert


"Wer wie ich ohne Smartphone aufgewachsen ist, kann sich so etwas gar nicht vorstellen", erzählt Hildegard Suder. Nur durch einen Zufall erfuhr sie vor Kurzem von dem Problem ihrer Tocher Nadine. Die 13-Jährige war ausnahmsweise einmal alleine zuhause. Suder hatte das Mittagessen für Nadine in die Mikrowelle gestellt und ihr gesagt, dass sie die Uhr auf zehn Minuten stellen müsse. "Nadine rief mich verzweifelt an. Sie sagte, sie hätte die Uhr schon zwei Mal auf zehn Minuten gestellt, aber ein Essen sei immer noch nicht in Sicht. Langsam hätte sie echt Hunger. Ich fragte, ob das Licht an sei und ob sich der Teller drehe. Sie verstand mich nicht. Erst nach einer ganzen Weile kapierte ich, dass die Uhr, die sie gestellt hatte, der Wecker ihres Smartphones war. Ich wies sie per Telefon an, in die Küche zu gehen, bis sie schließlich genau vor der Mikrowelle stand. Aber dann wurde es erst richtig schwierig." Hildegard Suder atmet tief ein und aus. "Sie meinte, sie hätte doch gar nicht die passende App installiert, um das Gerät in Gang zu bringen. Da erkannte ich das Ausmaß des Problems."

Hildegard Suders Tochter hat eine außer-virtuelle Teilleistungsschwäche (AVT). Die Krankheit, die in den letzten Jahren immer häufiger diagnostiziert wird, betrifft in erster Linie Unter-16-Jährige, die sogenannten "Digital Natives". Sie sind quasi mit dem Smartphone aufgewachsen, sind es gewohnt, dass sich Probleme mittels Anklicken, Installieren und Eingeben lösen lassen. Weil die reale Welt hin und wieder von diesen Prinzipien abweicht, stehen sie nicht-digitalen Problemen oft vollkommen hilflos gegenüber.

Auch Markus Wichmanns Sohn Maxim ist von AVT betroffen. "Maxim wollte vor einem Arzttermin noch einmal kurz duschen. Nach einer halben Stunde fragte ich ihn per WhatsApp, ob er startklar sei. Die Antwort war nein. Er habe schon mehrere Dusch-Apps installiert, aber keine von ihnen funktioniere. Ich war verwirrt, lief ins Badezimmer. Maxim stand nackt in der Dusche, hielt sich das Smartphone per Selfie-Stick über den Kopf und sagte "Guck, es geht einfach nicht."

Miriam Volkmann hört solche Geschichten immer wieder. "Das sind Alarmsignale, die Eltern unbedingt ernst nehmen sollten", sagt die Psychotherapeutin. Sie und ihre Kolleginnen vom AVT-Therapiezentrum in Duisburg arbeiten täglich daran, erkrankten Jugendlichen den Umgang mit der außer-digitalen Umwelt wieder nahe zu bringen, sie fit zu machen für das "Real Life Acting", wie es in Expertenkreisen heißt. Dabei verfolgen sie einen Ansatz, der für Betroffene brutal anmuten mag. "Als erstes bitten wir sie, ihr Smartphone wegzulegen. Das ist der schwierigste Schritt. Manche weinen, fühlen sich nackt und hilflos, wissen nicht, was sie mit ihren Händen machen und wo sie hingucken sollen." Nach und nach würden die Jugendlichen dann aber erfahren, dass ein Agieren ohne Smartphone möglich sei. "Nachdem der Schock überwunden ist, fangen sie langsam an, sich mit den von uns zur Verfügung gestellten Realien vertraut zu machen. Das ist dann immer wunderschön zu beobachten." Meist dauere es nur wenige Stunden, bis sich die jungen Leute zutrauten, nicht-digitale Gegenstände wie Föhn, Toaster, Buch oder Backofen angstfrei anzufassen und vorsichtig zu erforschen. Nach ein paar Tagen seien in der Regel auch der nervöse, suchende Blick auf das nicht vorhandene Smartphone und das ständige Tippen mit dem rechten Zeigefinger abgeklungen. "Bisher haben wir jeden als geheilt entlassen können", erzählt Volkmann stolz. "Manchmal vergessen sie sogar, sich ihr Smartphone wiedergeben zu lassen."

Leider sind die Plätze im Therapiezentrum knapp bemessen; es gibt eine lange Warteliste. Aber das Kollegium hat eine Lösung erdacht, erzählt Volkmann. "Seit Kurzem gibt es unser Hilfsangebot auch als App."