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Wolfsgruß auf Veranstaltung!

Grundschüler im Visier des Verfassungsschutzes


Das Video einer Grundschul-Theateraufführung hat am vergangenen Wochenende auf Youtube für Aufsehen gesorgt und sogar die Polizei beschäftigt. In der Aufführung von „Der Wolf und die sieben Geißlein“ in der Brüder-Grimm- Grundschule im nordrhein-westfälischen Bad Münstereifel hatte der Urheber der Aufzeichnung einen Schwenk ins Publikum gemacht, welcher Erschreckendes zutage brachte: Über zwanzig der sechs-bis achtjährigen Kinder zeigten den „Wolfsgruß“, das Erkennungszeichen türkischer Ultranationalisten.

Während die Stimmung auf Youtube nach der Veröffentlichung des Videos hochkochte,  verständigte ein engagierter Nutzer kurzerhand die Polizei. Jochen Benderoth, Leiter der Polizeidienststelle Münstereifel-Nord, erklärt, warum er den Hinweis sehr ernst nahm: „Je jünger die Menschen sind, umso empfänglicher sind sie für Radikalisierung. Grundschüler sind einer eventuellen ideologischen Gehirnwäsche von Seiten einer nationalistisch gesinnten Lehrerin hilflos ausgeliefert“. Aus diesem Grund hätten er und seine Kollegen nicht gezögert und auch ohne Vorliegen eines konkreten Straftatbestandes gleich am nächsten Morgen bei der betreffenden Schülergruppe samt ihrer Lehrerin eine Befragung durchgeführt.

Die Lehrerin, die 46-jährige Arzu Büttenkofer, habe sich überrascht gezeigt, so der Einsatzleiter. „Die Dame gab an, es habe sich um eine Verwechslung gehandelt. Ihre Schüler hätten nicht den Wolfsgruß, sondern einen sogenannten „Leisefuchs“ gezeigt. Das Handzeichen hätte dazu dienen sollen, im Publikum für Ruhe zu sorgen, da in der aktuell gezeigten Szene, wo der Wolf die Geißlein in der Küche sucht, mehrere Schüler lauthals „Guck in der Uhr!“ geschrien und das Bühnengeschehen damit gestört hätten“, so Benderoth.

Die Polizeibeamten hatten jedoch Zweifel an der Aussage der Pädagogin, welcher die Leitung der überwiegend aus Kindern türkischsprechender Eltern bestehenden Klasse auch aufgrund ihrer türkischen Wurzeln anvertraut worden war. Zumal die Befragung der Schüler teilweise Befremdliches zutage brachte. So schien Erstklässler Murat geradezu erpicht darauf zu sein, die Handgeste jedem der Beamten ungefragt und wiederholt zu demonstrieren - Ausdruck eines nationalistisch überhöhten Selbstwertgefühls? Die sechsjährige Ayşe sagte aus, dass es sich ihrer Meinung nach um ein „ganz besonders großartiges“ Zeichen handele, welches dafür da sei, „dass Ordnung ist und nicht alle machen, was sie wollen“ - ein Euphemismus für die Knechtung und Unterdrückung Andersdenkender? Der siebenjährige Gökay schließlich äußerte Stolz darüber, dass seine Klasse geschlossen das Zeichen verwendet habe. „Wir sind eben eine gute Klasse und nicht so wie die anderen Idioten“ - Ansätze elitären Denkens? Für die Polizeibeamten zu viele Fragezeichen, weswegen die Angelegenheit nun wohl an den Verfassungsschutz weitergeleitet wird. Dieser wird sich auch mit dem Text von „Der Wolf und die sieben Geißlein“ befassen, welcher, in Anlehnung an das Grimmsche Original, aus der Feder der Lehrerin stammte. Denn, so der Verdacht der Beamten, vielleicht war das Auftauchen des grauen Wolfes in dem Stück kein Zufall, und womöglich war die Handgeste der zuschauenden Kinder ein Ausdruck der Solidarität mit eben jenem, eine ethnische Säuberungsaktion durchführenden, brutalen Wesen.

Arzu Büttenkofer beharrt darauf, unschuldig zu sein. Der Wolfsgruß und der angeblich von den Schülern gezeigte „Leisefuchs“ seien nicht miteinander verwandt, ihr Unterricht samt des verwendeten Materials frei von Ideologien jeglicher Art. Dennoch hat sie entschieden, das Handzeichen zukünftig nicht mehr zu verwenden. „Ich werde auf Zuhör-Käfer, Horche-Elefant oder  Stille-Fisch zurück greifen“.


Foto: „Nicht verwandt“: Die verdächtige Pädagogin will nicht den Wolfsgruß (li.), sondern einen „Leisefuchs“ (re.) gelehrt haben.