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Herbei o ihr Gläubigen

 

Der große Ansturm auf die Weihnachtsgottesdienste wird vielerorts zum Problem. Die Gemeinde Essen-Haarzopf war mit ihrem Lösungsversuch, der Herausgabe von Tickets für den Heiligabend-Gottesdienst, auf heftige Kritik gestoßen. Fürs kommende Jahr hat man nun aber eine geniale Idee umgesetzt.

„Der Geistesblitz kam direkt vom Himmel“, meint Pastor Dirk Neuenburger. Nachdem die Ausgabe von Eintrittskarten für den Heiligabend-Gottesdienst bei den Gemeindemitgliedern nicht gut angekommen war, setzten sich die Mitarbeiter der kleinen Essener Kirche zusammen, um für das kommende Jahr eine bessere Lösung zu finden. Küsterin Emily Wangeroth hatte schließlich den rettenden Einfall: Die Gemeinde veranstaltet eine Tombola, bei der die Sitzplätze für die Gottesdienste im kommenden Jahr verlost werden. Der Vorteil gegenüber dem Vorjahr: „Diesmal geht keiner leer aus!“, freut sich der Pastor. Neben den 333 Tickets für Heiligabend sind nämlich noch 19980 weitere Plätze für Gottesdienst-Teilnahmen im Lostopf. Die fleißige Küsterin hat einfach für sämtliche Gottesdienste des Jahres Platzkarten ausgedruckt. Bei knapp 1000 Gemeindemitgliedern ist also locker für jeden eine Karte drin. „Da darf sogar jeder drei Mal ziehen“, erklärt Neuenburger voller Begeisterung.

Bei den Gemeindemitgliedern stößt die Idee auf gemischte Reaktionen. Henriette Bröger hat bei der „großen Gottesdienst-Verlosung“ gerade ein Ticket für den 12. Mai gezogen und ist irritiert. „Ein Gottesdienst im Frühjahr, wie soll das denn aussehen?“, fragt sie sich. Die 57-Jährige kann sich nicht vorstellen, dass zu dieser Zeit die gewohnte weihnachtliche Stimmung aufkommen kann, die sie an ihren regelmäßigen Kirchenbesuchen immer so schätzt. „Der Baum ist dann bestimmt aus Plastik“, vermutet Bröger und hält wenig von der Tombola-Idee. „Man sollte doch die Kirche im Dorf lassen“, findet sie. „Einen Gottesdienst gibt es ein Mal im Jahr. Fertig.“

Rudolf Wiesner hingegen findet die Neuerung „eine pfiffige Idee“. Der Rentner hat ein Ticket für den 11. August gezogen. „Die Kirchen müssen sich eben was einfallen lassen heutzutage“, spekuliert Wiesner und findet es „lustig“, auch mal einen Gottesdienst im Sommer anzubieten. Als Allenstehender sei ihm das Datum des jährlichen Kirchenbesuches egal, sagt er. „Hauptsache Glühwein und Krippenspiel.“