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„Einflussreicher“ Mitarbeiter:

Maurer soll Arbeitsplatz als Influencing-Kulisse genutzt haben

Maurermeister Siegfried M. ist die Sache etwas unangenehm. „Ich kenne mich nicht so aus mit diesen modernen Berufen“, gibt er zu. Von „Influencern“ (dt: Beeinflussern), Personen, die ihre hohe Präsenz in sozialen Netzwerken dazu nutzen, für bestimmte Produkte zu werben, hatte der 56-Jährige noch nie etwas gehört. An den Videos, die Mitarbeiter Nico P. vor einem Jahr von seinem Maurerfachbetrieb ins Netz gestellt hatte, war ihm entsprechend auch nichts merkwürdig vorgekommen. Erst sein Enkelsohn, der in der Schule gerade das Thema 'Beeinflussung durch moderne Medien' durchgenommen hatte, öffnete ihm die Augen: Auf gleich drei der neun Videos, welche Angestellte des Baubetriebes bei ihrer Arbeit zeigten, war ein und dasselbe Produkt zu sehen, stets geschickt eingebunden in die Handlung. Auf einem Video mit dem Titel „Mauer fachmännisch verputzt“, sah man das Produkt* zeitweise sogar in Nahaufnahme.

Siegfried M. ist schockiert. „Ich hatte Nico gebeten, sich um die Internetpräsenz unserer Firma zu kümmern, und ihm deshalb auch erlaubt, während des Betriebs Videos zu drehen. Dass er mein Vertrauen dazu missbrauchen würde, um sich zusätzlich die Taschen zu füllen, nein, das hatte ich ihm wirklich nicht zugetraut.“

Der Maurermeister stellt seinen Mitarbeiter zur Rede. „Ich wollte das möglichst unverkrampft machen und ging einfach zu ihm rüber, während er gerade beim Mauern war. Aber er hat es komplett abgestritten, wurde sogar wütend.“ Was Siegfried M. dabei besonders aufbringt: Geradezu provokant hält Nico P. während des gesamten Gespräches das erwähnte, beworbene Produkt in der Hand. „Da ist mir dann der Kragen geplatzt“, sagt M.

Der Meister erteilt seinem Mitarbeiter eine Abmahnung wegen unerlaubten Nebenerwerbs. Außerdem verlangt er von ihm, das Werbeprodukt von sämtlichen Fotos und Videos, die er online  gestellt hat, zu entfernen.

Nico P. erfüllt den Wunsch seines Chefs und pixelt das Produkt. Die Vorwürfe aber bestreitet er weiterhin – trotz der erdrückenden Bildbeweise.

„Ich habe nicht für dieses Produkt geworben“, behauptet er in einem aktuellen Statement auf seinem You Tube-Kanal. Er habe die verlangten Maßnahmen in der Hoffnung ausgeführt, dass sich das Verhältnis zu seinem Vorgesetzten wieder normalisiere. Nach diesem Stress brauche er jetzt aber erst einmal eine kleine Stärkung, seufzt der Bauhandwerker, während er sich lässig gegen ein Gerüst lehnt. „Wenn die Welt mal wieder verrückt spielt, schnapp ich mir einen Riegel mit knusprigen Cerealien, Milchcreme und Schokolade“, bekennt der 27-Jährige. Danach gehe es dann nämlich ganz entspannt weiter an die Arbeit.

Der geplatzte Werbedeal hat ihm die gute Laune offenbar nicht genommen.

 

*Es handelte sich um die bei Maurern beliebte 'Kelle 57A' der Firma WaKe Bau.

Dreiste Schleichwerbung: Auch auf diesem Foto hatte Nico P. das Produkt (gepixelt) geschickt ins Bild geschmuggelt.