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Auffälliges Verhalten als „Herausforderung für alle“


In unserer Rubrik „Hinter den Kulissen“ sprechen wir heute mit Annegret Höfer-Merkin, die sich als Inklusionshelferin im Bundestag um einen verhaltensauffälligen Abgeordneten kümmert.

Nein, den Begriff „Problempolitiker“ findet sie unpassend, werden wir von Annegret Höfer-Merkin gleich zu Beginn korrigiert. Sie ärgert sich immer wieder darüber, wenn ihre Schützlinge auf diese Weise in eine negative Schublade gesteckt werden. Nach zweijährigem Einsatz an einer Berliner Gesamtschule betreut Höfer-Merkin seit März 2018 einen Minister des Deutschen Bundestags. Die studierte Sozialpädagogin, die den Namen des Regierungsmitglieds nicht nennen darf, findet es „total toll“, dass heutzutage „auch auf der ganz großen Bühne“ Platz ist für Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten. Eine Ansicht, die leider nicht von allen geteilt werde. Gerade kürzlich sei sie mit der Äußerung konfrontiert worden, dass „jemand, der sich derart daneben benimmt“ in der Regierung „nichts zu suchen habe“. Die Inklusionshelferin versucht in solch „traurig stimmenden Momenten“ gelassen zu reagieren und die Menschen durch Impulse zum Umdenken zu bewegen. „Ich frage dann: Sind es nicht gerade solche Abgeordnete, die die Politik bunt und lebendig machen?“

Sicher sei es nicht immer einfach mit dem von ihr betreuten Politiker. Er sei eben ein „ganz besonderer Minister“, dessen unangepasstes Verhalten für alle „eine Herausforderung“ darstelle. Vor allem seine Neigung, Andersdenkende durch verbale Angriffe und inhaltlich schwer nachvollziehbare Forderungen zu provozieren, führe oftmals zu Problemen.

Die Ursachen dieser Verhaltensauffälligkeiten liege in seiner Biografie, erzählt Höfer-Merkin. In dem Mikrokosmus, in welchem der Inklusionspolitiker seine politische Adoleszenz verbracht habe, habe er die Rolle eines Alleinherrschers innegehabt, welcher andere Personen „noch nicht einmal wahrnehmen brauchte, geschweige denn Rücksicht auf ihre Gefühle und Interessen nehmen.“ Der Volksjargon-Ausdruck „Verzogenheit“ treffe den Kern der Problematik schon recht gut, stimmt sie uns zögernd zu, auch wenn sie lieber von „Defiziten aufgrund mangelhafter Sozialisation“ spricht. Diese Defizite träten seit März, wo er aus seiner isolierten Politikfamilie herausgetreten sei, deutlich zutage. Erschwerend komme hinzu, dass das tief in seiner Persönlichkeit verwurzelte Bedürfnis, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, durch die ungewohnte Existenz gleichberechtigter Personen noch verstärkt werde.

„Wie jedes andere Inklusionskind auch“ habe der verhaltensauffällige Politiker aber durchaus auch Stärken. Sein „unerschütterliches Selbstbewusstsein“ zum Beispiel, welches auch bei ihr beinahe täglich sprachloses Staunen hinterlasse. Bezüglich ihrer Arbeit mit ihm stellt dieses allerdings eine  Schwierigkeit dar. Die gemeinsamen Reflexionen von Problemsituationen beginne sie wie bei jedem Hilfsempfänger stets mit etwas Positivem, erklärt sie uns. „Das hört er sich sehr aufmerksam an, stimmt mir sogar oft zu. Sobald ich dann zum Negativen komme, schweift seine Aufmerksamkeit aber sofort ab. Er scheint gar nicht in der Lage zu sein, Kritik anzuhören geschweige denn darauf einzugehen.“

Ob sie das Gefühl habe, dass ihre Bemühungen Erfolg haben und bei dem Inklusionspolitiker tatsächlich eine Verhaltensänderung bewirken können, wollen wir von Höfer-Merkin abschließend wissen. Sie lächelt. „Wissen Sie“, sagt sie nach einer Pause, „Optimismus ist in unserem Beruf eine Grundvoraussetzung.“

Foto: Inklusion kann gelingen - auch im Deutschen Bundestag?