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Neuer Ansatz in Astronomie

Das Universum soll sich gegen Frauke K. aus B. verschworen haben. Die These ist ebenso neu wie umstritten.


Zuerst waren es nur Kleinigkeiten, Vorfälle, die manch anderer vielleicht schlicht als 'Pech' bezeichnen würde. Nicht so Frauke K. aus B. „Nein, nein!“, hält sie entschieden dagegen. „Wenn dir an der Oper der allerletzte freie Parkplatz direkt vor der Nase weggeschnappt wird, und das drei Minuten vor  Vorstellungsbeginn, also mal ehrlich: Welcher normale Mensch würde da noch an einen Zufall glauben?“ Noch schlimmer vor ein paar Wochen, als sie sich mit dem Lockenstab eine Haarsträhne verbrennt – eine halbe Stunde vor einem wichtigen Vorstellungsgespräch. „Ich kam viel zu spät, hatte eine Frisur wie Nachbars Lumpi, und mein Augen-Makeup war verschmiert vom Heulen.“ Überflüssig zu erwähnen, dass das Gespräch keinen positiven Ausgang nahm. „Dabei habe ich dem Typen doch von dem Lockenstab erzählt, und dass es laut Herstellerangaben praktisch unmöglich ist, sich damit zu versengen. Da hätte ihm doch eigentlich klar werden müssen, dass mein Zuspätkommen nicht meine Schuld war, sondern dass da eine höhere Macht im Spiel gewesen sein musste“, ärgert sich die 32-Jährige über den Jugendamtschef, der ihr direkt nach ihrer keuchend vorgetragenen Erklärung die Bewerbungsunterlagen zurückgab. Dabei wäre es ihr absoluter Traumjob gewesen. „Leiterin einer Jugendgruppe. Mal richtig Verantwortung übernehmen. Genau die Herausforderung, die ich gesucht hatte.“ Alles hinüber, nur wegen dieses „irrationalen Vorkommnisses“, wie Frauke solche Geschehnisse inzwischen nennt. „Ich könnte Ihnen noch hunderte davon aufzählen, glauben Sie mir. So viel geballtes Pech auf einmal, und dann immer in den falschen Augenblicken, das ist NICHT normal, und sowas passiert auch sonst NIEMANDEM außer mir.“ Die studierte Sozialpädagogin ist sich sicher: „Das Universum hat sich gegen mich verschworen.“

Während Fraukes Freundinnen von ihrer These aufgrund der „überwältigenden“ Anzahl  „irrationaler Vorkommnisse“ inzwischen felsenfest überzeugt sind, sieht ihr Mann Vincent das  Thema mit der einem Naturwissenschaftler eigenen Skepsis. Nach zahlreichen hitzigen Diskussionen mit Frauke hat der Astrophysiker jetzt einer Gruppe Studenten den Auftrag gegeben, ihre Vermutung wissenschaftlich zu überprüfen. „Wenn sich die Mechanismen des Weltalls tatsächlich maßgeblich an der Person meiner Frau orientieren, würde dies die Kosmologie um einen großen Schritt voranbringen“, meint der 45-Jährige. Schließlich sei dieses Teilgebiet der Physik bislang sehr stark auf Theorien und Hypothesen angewiesen und bringe immer noch mehr Fragen als Antworten hervor.

Paul Stenzel ist einer der Studenten, die sich nun in der auf mehrere Semester angelegten Hausarbeit 'Theorien zum Universum unter Einbeziehung der Person Frauke K. aus B.' mit dem Thema befassen. „Wir haben zunächst die gängigen Modelle zur Beschaffenheit des Universums sowie die aktuell drängendsten offenen Forschungsfragen um den Faktor 'Frauke K. aus B.' ergänzt“, fasst er den bisherigen Stand der Arbeit zusammen. Bislang habe dies noch zu keinen weiterführenden Erkenntnissen geführt. „Das sagt zu diesem frühen Zeitpunkt eigentlich noch gar nichts aus“, erklärt er. Man werde die Arbeit auf jeden Fall fortführen und die theoretischen Überlegungen auch noch um praktische Versuche ergänzen.

Frauke K. sieht den Ergebnissen der wissenschaftlichen Untersuchungen gelassen entgegen: „Das sind Naturwissenschaftler. Die sehen doch nur, was sie sehen wollen.“ Sie hat sich jetzt fest vorgenommen, sich von der kosmischen Antipathie für ihre Person schlichtweg nicht mehr beeindrucken zu lassen. „Gegenwind macht einen stärker“, sagt sie selbstbewusst. „Das Universum wird mich noch kennenlernen!“


Foto: Weltformel verzweifelt gesucht: In den bisher gängigen Ansätzen zur Beschreibung des Universums wurde der Faktor 'Frauke K. aus B.' nicht miteinbezogen.