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„Ein Akt der Menschlichkeit“

Hilfsbereiter Pilot fliegt Sotschi-Depressionspatienten an einen Ort, wo die schwarz-rot-goldenen Fahnen noch wehen

Thorsten B. ist eigentlich ein fröhlicher Mensch. Noch vor wenigen Tagen saß der 34-jährige leidenschaftliche Fußballfan schwarz-rot-golden bemalt vor dem Fernseher und sah seinen Lieblingssport, während Ehefrau Heike ihm die schwarz-rot-goldenen Schokolinsen reichte. Doch dieses Bild aus schönen Tagen gehört nun in die Vergangenheit.

Seit Mittwoch Abend nämlich ist Thorsten nicht mehr wiederzuerkennen, wie die verzweifelte Heike erzählt. „Er sitzt lethargisch in seinem schwarz-rot-goldenen Fan-Sessel, starrt aus glasigen Augen auf den leeren Bildschirm und bläst tonlos durch die Vuvuzela, die sich inzwischen an seinen Lippen festgesaugt hat. Ich kann dieses Elend kaum noch mit ansehen.“

Thorsten B. ist nicht der einzige deutsche Mann, der zurzeit von der sogenannten Sotschi-Depression betroffen ist. Als Auslöser der Krankheit kann eindeutig das Ausscheiden aus der Fußball-WM gesehen werden, wie Allgemeinmedizinerin Dr. Sabine Laguto erklärt. „Es ist viel mehr als nur Trauer und Enttäuschung. Die betroffenen Männer hatten ihren kompletten Alltag auf die konsequente Unterstützung der Deutschen Nationalmannschaft eingestellt. Viele haben sich extra Urlaub genommen, um keine Solidaritätsaktivität auslassen zu müssen: Den Hymnentext  auffrischen; mit den Nachbarn den Ton der Autohupen abstimmen; das Haustier schwarz-rot-golden umfärben; Punkt Acht im Lidl sämtliche „Mannschafts-Hähnchen“ abgreifen. Völlig unvermittelt finden sie sich nun jedoch in einer Welt wieder, wo all diese mit Engagement und Herzblut geplanten Aktivitäten keinen Platz mehr finden. Wo gerade noch der Fußball war, breitet sich eine tiefe geistige und seelische Orientierungslosigkeit aus.“

Der erfahrene Heilpraktiker und Farbtherapeut Martin Schmidt von Lüdinghausen glaubt zu wissen, wie man den Sotschi-Patienten helfen kann:

Man muss sich das so vorstellen: Das Denken und Handeln dieser Männer ist in schwarz-rot-goldene Farben gehüllt. Jetzt treffen sie ganz plötzlich auf eine Umwelt, in der diese Farben keinerlei Bedeutung mehr haben. Der Therapieansatz liegt auf der Hand: Man müsste diese Menschen wieder in eine Umgebung bringen, die den Farben ihrer Seele entspricht: Schwarz, rot und gold. Sobald sie sich seelisch wieder zuhause fühlen, kann man sie dann ganz, ganz behutsam mit der veränderten Wirklichkeit konfrontieren.“

Stefan Winchowski, einen guten Freund von Schmidt von Lüdinghausen, brachten diese Überlegungen auf eine Idee. Der Pilot, der sich seit Jahren für karitative Zwecke engagiert, überredete spontan seine Fluggesellschaft, einen Sonderflug zu organisieren. Zielort: Brüssel.

Auf den Kotztüten haben wir schon die Reihenfolge „Schwarz-Gold-Rot – für den Übergang“, erzählt Winchowski, der bei seinem besonderen Einsatz auf ein Honorar verzichtet. „Für mich ist das ein Akt der Menschlichkeit. Jeder tut doch, was er kann, in so einer schwierigen nationalen Notlage.“ Der Airbus A380, den Winchowski am Samstag fliegen wird, bietet Platz für 853 schwarz-rot-goldene Depressions-Patienten. Unter ihnen: Thorsten B.

Für die Benzinkosten konnte übrigens ein großzügiger Sponsor gefunden werden: Ein Hersteller dreifarbiger Saisonartikel, welche sich im Frachtraum der Maschine befinden.

 

Foto: Pilot Winchowski mit Sotschi-Patient Thorsten B.