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Sie hat die Nase schön

Um nicht mehr täglich an seine Ex-Frau erinnert zu werden, will ein Schönheitschirurg seine selbst entwickelte Erfolgs-Nase nicht mehr modellieren.

„Ich kann sie nicht ansehen. Es geht einfach nicht.“ Dr. Matthias Zurhövel sitzt vor einem Foto von 'Modell Nofretete 37 B'. „Eine Variante der klassischen ägyptischen Form mit schlankem, sich zur Spitze harmonisch verjüngendem Rücken und leicht abgeflachten Flügeln“, referiert er tonlos. Die Nase gehörte ihm; er war stolz darauf, das Patent für das Erfolgsmodell entwickelt zu haben. Aber diese Zeiten sind vorbei.

Begonnen hat das Drama vor zwei Jahren. Der erfolgreiche plastische Chirurg Zurhövel hatte eine Nase für seine Frau entworfen, zum ersten Hochzeitstag. Sie hatte sie sich gewünscht, weil ihre alte Nase nicht mehr mit der neu gestalteten Wangenpartie harmonisierte. Zurhövel übertraf sich selbst und gestaltete die schönste Nase seiner bisherigen Laufbahn. „Sie war so glücklich!“, erinnert er sich. „Und ich war es auch. Jeden Morgen, wenn ich aufwachte, dachte ich: Ja, diese Arbeit ist perfekt. Ich bin ein Künstler.“ In seinem Stolz meldete er sein Meisterwerk zum Patent an - mit ungeahnten Folgen. „Nachdem ich das Modell an eine Hollywood-Schauspielerin verkauft hatte, kamen sie plötzlich aus aller Welt zu mir und waren bereit, die absurdesten Preise zu bezahlen. Alle wollten meine Nase.“ Seine Frau habe sich daran zunächst nicht gestört. „Die Nase war schließlich eine Geldmaschine. Endlich konnten wir uns den Bungalow auf Saint-Tropez kaufen, auf den wir schon seit Monaten gespart hatten.“ Doch dann wendete sich das Blatt.

Nach einer Weile hatte sich die Erfolgsnase nämlich auch bis in Zurhövels Heimat Monaco herumgesprochen. „Eines Tages saß eine Nachbarin von uns in meiner Praxis und verlangte 'Nofretete 37 B'.“ Das ging seiner Frau dann zu weit. „Sie sagte, dass es ihr peinlich sei, beim Golfball dieselbe Nase zu tragen wie eine andere. Ich habe daraufhin versucht, die Nachbarsfrau für ein anderes Modell zu begeistern. Aber sie hat sich nicht darauf eingelassen.“ Zurhövel muss schlucken und eine Träne aus dem Auge wischen. „Ich kann mich doch nicht weigern, eine von der Patientin dringend gewünschte Operation durchzuführen. Das geht gegen meine Mediziner-Ehre.“ Also verhalf Zurhövel der Frau  doch zu der gewünschten Nase. „Ich dachte, meine Frau würde das sicher verstehen“, erzählt er. Aber weit gefehlt. „So aufgebracht hatte ich sie noch nie erlebt“, erinnert sich der Mediziner. „Ich weiß noch, wie ich sie ansah und dachte: Unfassbar, wie verlässlich das Botox selbst bei diesem Wut-Level noch die Stirnfalten verhindert!“ Es war das letzte Mal, dass er seiner Frau gegenüber stand. Nicht einmal der mit pinkem Plüsch ausgekleidete Helikopter, den er ihr ins Foyer gestellt hatte, konnte sie milde stimmen. Schon am nächsten Tag war seine Liebste samt Hubschrauber verschwunden. Und kehrte nicht wieder zurück.

Dr. Matthias Zurhövel hat das Patent für 'Nofretete 37 B' inzwischen zurück gegeben. „Ich kann diese Nase nicht mehr operieren“, sagt er. Zum Glück ist seine berufliche Existenz durch diese persönliche Entscheidung nicht gefährdet. „Seit Kurzem gibt es den Trend, sich durch unkonventionelle Nasen von der Masse abzuheben.“ Zurhövel modelliert jetzt mit wachsendem Erfolg Nasen der von ihm entwickelten Modelle 'Frühkartoffel' und 'Höckerschwan'. Aber dennoch - der Schmerz über seinen privaten Verlust sitzt noch immer tief.