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postfaktisch. präfaktisch. außerfaktisch.


Übertrieben peinlich, ischwör!

Junglehrer will Schüler mit Jugendsprache-Vokabular begeistern. Doch der Schuss geht nach hinten los.

Eigentlich hat Daniel L. alles so gut geplant. Nach dem bestandenen Referendariat will der 24-Jährige zum Februar seine erste Stelle als Lehrer an einer Haupt- und Realschule antreten. „Zwischen der Prüfung und meinem ersten Arbeitstag waren ein paar Wochen Zeit, die ich nutzen wollte, um mich auf meine neue Aufgabe vorzubereiten.“ Auf einem Bücherflohmarkt macht er dann eine folgenschwere Entdeckung. „Ich sagte dem Verkäufer, dass ich etwas für die Arbeit mit Jugendlichen suche, und da kramte er kurz und präsentierte mir dieses Buch: „Lexikon der Jugendsprache“. ‚Da haben Sie gleich einen Stein im Brett bei den jungen Leuten’, meinte er zu mir, ‚Außerdem versteht man ja wirklich kaum noch, was die sagen, wenn man in unserem Alter ist.’“

Daniel L. kauft das Buch und beginnt sofort interessiert mit der Lektüre. „Ich war etwas schockiert, weil ich die meisten der Ausdrücke wirklich noch nie gehört hatte“, erinnert sich der motivierte Berufsneuling. Dem sprachbegabten jungen Mann gelingt es aber tatsächlich, sich den Wortschatz des Lexikons in nur fünf Wochen anzueignen. „Ich habe laut Selbstgespräche geführt, um einen natürlichen Sprachfluss zu erreichen. Außer mir selbst kannte ich ja leider noch niemanden, der diese Sprache beherrscht hätte.“

An seinem ersten Schultag – er hat eine Gruppe lebhafter 8-Klässler vor sich – fühlt sich der engagierte Jungpädagoge dank seines Sprachstudiums perfekt vorbereitet. „Zunächst schien alles prima zu laufen; ich war ganz begeistert, wie locker mir die Sprache von den Lippen ging. Die Schüler schienen ebenfalls angetan, denn es war mucksmäuschenstill im Raum; alle lauschten meinen Worten. Doch nach etwa zwei Minuten Schweigen brach plötzlich ein lautes Gelächter los. Mir schwante, dass ich irgendeinen Fehler gemacht haben musste.“

Der Grund für Daniel L.´s katastrophalen Fehlstart: Das ‚Lexikon der Jugendsprache’, welches er erworben hatte, hatte wohl schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel.

Mia M., eine von L.´s Schülerinnen, erinnert sich gern an diese ungewöhnliche Schulstunde. „Alter, da kommt der rein und sagt, dass er es ‚knorke’ findet, uns kennen zu lernen, und dass wir ‚ne wonnige Zeit’ miteinander haben werden und so. Wir konnten nicht mehr, ischwör.“

Schüler Leon B. hat die anschließenden Versuche seines neuen Lehrers, der Situation Herr zu werden, heimlich mit dem Smartphone festgehalten und zeigt uns begeistert das Video. „Ey, das finde ich jetzt echt ätzend, was ist denn das für ein Tohuwabohu, da geht man ja kaputt, jetzt ist aber mal Ende im Gelände!“ Er könne sich das immer wieder ansehen, erzählt der Schüler lachend, „Übertrieben lustig! Schade, dass dann der Obermacker kam.“

Schulleiter Frank P., der durch das laute Gelächter alarmiert worden ist, macht dem Spiel nach fünf Minuten ein Ende; er gibt den Schülern eine schriftliche Aufgabe und bringt dem irritierten Berufseinsteiger im Rektorenzimmer vorsichtig bei, dass die von ihm verwendete Sprache auf die Schüler „etwas bizarr“ gewirkt hat und er in Zukunft lieber darauf verzichten sollte.

„Na ja, sie sind es eben nicht gewohnt, dass man als Erwachsener so spricht wie sie“, versucht sich Daniel L. die Verwirrung der Schüler zu erklären. Er trägt seinen verpatzten Einstieg mit Fassung. „Tja“, meint er achselzuckend, wie es die Jugend sagen würde: Wer den Stapler gibt, kann sich schon mal zum Heini machen.“


Foto unten: Daniel L.'s Auftritt hat bei seinen Schülern durchaus Eindruck hinterlassen.