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Und ewig nagt der Poldi

Nach fünf Austausch-Hamstern will ein Elternpaar seine Tochter mit der Sterblichkeit ihres Haustieres konfrontieren.

Pascal und Mandy Kleinfeld hatte vor diesem Tag gegraut: Nach noch nicht einmal zweieinhalb Jahren lag Goldhamster Poldi, das geliebte Haustier ihrer kleinen Tochter Maja, eines Morgens reglos im Käfig. „Maja war untröstlich“, erzählt Mutter Mandy. „Es hat uns das Herz gebrochen, sie so weinen zu sehen. Da hatte mein Mann diese Idee, die einfach genial zu sein schien.“ Papa Pascal erzählt die Geschichte weiter:

„Ich sagte zu Maja: „Das ist ganz normal bei Hamstern. Die können ihre Körpertemperatur runter fahren und sich ganz steif machen.“ Seine fünfjährige Tochter habe ihn zunächst ungläubig angesehen. Mama Mandy ahnte, was ihr Mann vorhatte, und pflichtete ihm bei: „Stimmt, davon habe ich auch schon gehört. So alle ein bis zwei Jahre machen die das mal. Pass auf, wenn du aus dem Kindergarten nach Hause kommst, ist Poldi wieder ganz normal.“ Während seine Tochter im Kindergarten war, fuhr Pascal dann zur nächsten Zoohandlung, um einen ausgewachsenen Hamster zu kaufen, welcher „Poldi“, den Mandy in der Zwischenzeit dezent im Gemüsebeet zur letzten Ruhe gebettet hatte, zum Verwechseln ähnlich sah. „Dass Poldis weißer Fleck am rechten Ohr verschwunden war, hat Maja gar nicht so gewundert. Wir erklärten ihr, dass das bei Hamstern ganz typisch ist, dass sich die Fellfärbung nach der Kältestarre ändert.“

Die Notlüge der Kleinfelds ging auf. Alle ein bis eineinhalb Jahre wurde „Poldi“ ersetzt. „Maja weinte schon gar nicht mehr, wenn er tot im Käfig lag. Sie sagte nur noch „Poldi macht schon wieder Kältestarre.“ Wir waren froh darüber, unserer Tochter über die Jahre so viel Kummer erspart zu haben“, resümiert Mandy. Auch als die Lokalpresse bei ihnen anrief, spielte man das Spiel weiter. „Die wollten unseren acht Jahre alten Ausnahmehamster sehen“, erinnert sich Pascal. „Da haben wir ihnen Poldi  –  um genau zu sein, war es damals Poldi IV - vorgeführt. Er war mit Bild in der Wochenendausgabe.“

Inzwischen wohnt die fünfte Ausgabe von Hamster Poldi bei der jetzt fünfzehnjährigen Maja. Mandy und Pascal haben nun aber entschieden, ihn bei seinem nächsten Ableben nicht wieder auferstehen zu lassen. Die örtliche Zoohandlung hat ihre Kleintierabteilung nämlich reduziert: Es gibt keine Hamster mehr. „Wir müssten jetzt 50 Kilometer fahren“, sagt Pascal, „das ist ja doch etwas ungünstig.“

Mandy und Pascal Kleinfeld sind aber zuversichtlich, dass Maja den Tod ihres Haustieres verkraften wird. „In letzter Zeit beklagt sie sich immer wieder darüber, dass ausgerechnet ihr Hamster so ungewöhnlich alt wird. Bei IKEA gibt es nämlich einen Schuhschrank, der perfekt an die Stelle des Hamsterkäfigs passen würde.“