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22.09.2017

 

 

Wahlmüdigkeit so schlimm wie nie: Parteien planen Wahl-Weckdienste

 

 Stell dir vor, es ist Wahl, und jeder verschläft...
 Das derzeit grassierende Akute Schnarch-Wahlkampf-Syndrom (ASWS) stellt bisherige Formen von Politikmüdigkeit weit in den Schatten - und zwingt die Parteien zum Handeln.
Dass die Wählbereitschaft der Bürger angesichts eines historisch einzigartig einschläfernden Wahlkampfes ständig weiter abnimmt, überrascht Politikexperten wenig. Doch mit diesem Ausmaß der Problematik hatte wohl keiner gerechnet: ASWS (Akutes Schnarch-Wahlkampf-Syndrom) nennen Ärzte die Epidemie, die zurzeit immer mehr Wahlberechtigte ergreift und selbst vor denen nicht Halt macht, welche gegen die übliche, schon seit Jahren grassierende Politikmüdigkeit immun waren. Das Perfide an ASWS: Es wird in seinem Verlauf immer schlimmer, wie Dr. med. Johannes Scherper vom Schlafmedizinischen Institut Erlangen beschreibt.

 "Im Anfangsstadium sorgt ASWS nur für politische Lethargie, weitet sich dann aber zu einer allgemeinen, immer stärker werdenden Schläfrigkeit aus, welche die Betroffenen schließlich kaum noch aus eigener Kraft überwinden können." Auffallend ist dabei, dass der Verlauf synchron ist, nicht individuell, wie man es von anderen Infektionskrankheiten kennt. "Das Anfangsstadium habe ich vor Monaten diagnostiziert, in der "Heißen Phase" trat dann Stadium 2 auf, und seit dem Duell der Kanzlerkandidaten steuert die Erkrankung auf die Endphase zu - egal wann die Infektion erfolgt ist. Auch die zahlreichen Neu Erkrankten, die ich in dieser Woche begutachtet habe, hatten bereits exakt denselben Punkt des Krankheitsverlaufs erreicht."

 Nach Einschätzung des Mediziners werden bis Sonntag noch mehr Infizierte dazu kommen und sich zeitgleich der Zustand der Betroffenen noch weiter verschlimmern. "So wie die Lage momentan aussieht, wird der Großteil der Bundesbürger den 24. September komplett verschlafen", prophezeit Dr. Scherper. Er und seine Kollegen sehen dies jedoch nicht als großes medizinisches Problem: "Am 25. ist alles wieder gut", sagt er. "Da sind wir uns sicher."

 Die Parteien, die zur Bundestagswahl antreten, können die Mediziner mit dieser positiven Prognose  jedoch nicht beruhigen. Bei ihnen macht sich Panik breit: "Wenn sich die Vorhersagen der Ärzte bewahrheiten, werden sämtliche derzeit im Bundestag vertretene Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern", bringt Wahlkämpferin Ulrike Greobens von der SPD Rheinland-Pfalz die Problematik auf den Punkt. Sie und ihre Parteifreunde im Wahlkreis Neuwied rudern jetzt mit aller Kraft dagegen. "Wir werden einfach so lange klingeln, bis uns jemand öffnet", erläutert sie die Strategie, der sie intern den Namen "Verzweiflung" gegeben haben. "Anschließend helfen wir den Wahlmüden beim Anziehen und suchen mit ihnen gemeinsam ihre Wahlbenachrichtigung. Dabei erzählen wir ihnen, wie sehr sich Martin Schulz über ihre Stimme freuen würde." Ganz ähnlich verfährt die CDU im Kreis Waldeck-Frankenberg. "Nach dem erfolgreichen Wecken reichen wir eine Tasse extra starken Kaffee mit der aufmunternden Aufschrift: "Wählen Gehen: Sie schaffen das!", berichtet Direktkandidat Dr. Uwe Plattenroth. "Außerdem bieten wir einen Fahrservice direkt bis zum Wahlbüro an. VW ist so freundlich, uns dafür Fahrzeuge zur Verfügung zu stellen." Auch die Grünen im Schwalm-Eder-Kreis setzen auf munter machende Heißgetränke. "Bei uns aber aus fair gehandelten Bio-Bohnen", erzählt Wahlkämpferin Birte Wirosek-Tibenius. "Anschließend geht es dann auf dem Tandem zum Wahlbüro." Eine etwas radikalere Strategie fahren die Linken im selben Wahlkreis, unter ihnen Direktkandidatin Tania Müller: "Wir ziehen mit einer Blaskapelle um die Häuser, die die "Internationale" so lange spielt, bis die Leute am Fenster erscheinen." Die FDP im Rhein-Erft-Kreis in NRW setzt indes ganz auf die Kraft ihres Parteivorsitzenden: "Wir sind mit einer Pappfigur von Christian Lindner unterwegs, die wir den Leuten vor die Fenster halten", verrät Wahlkämpfer Claas Gruber. "Wer öffnet, bekommt gratis ein Christian-Lindner-Poster in Lebensgröße."

Auch viele Gemeinden haben die Dramatik der aktuellen Lage erkannt und versuchen nun verstärkt, ihre Bürger zum Urnengang zu motivieren, wie Marianne Berger der Gemeinde Vogelsberg berichtet: "Wer es schafft, unser Wahlbüro zu erreichen, nimmt automatisch an einer Lotterie teil. Zu gewinnen gibt es ein i-Pad und als Trostpreis unser Wahlmaskottchen, den süßen Groko".

Bleibt zu hoffen, dass die gemeinsamen Anstrengungen von Gemeinden und Politikern fruchten. Damit zumindest eine Partei die Fünf-Prozent-Hürde überwinden und in den neuen Bundestag einziehen kann.

Foto oben: Die CDU im Kreis Waldeck-Frankenberg setzt auf motivierende Sprüche auf aufputschendem Heißgetränk.

Foto unten: Ob "Groko", das Wahlmaskottchen der Gemeinde Vogelsberg, helfen kann, die extreme Wahlmüdigkeit zu bekämpfen?