DIE WAHRHEIT ONLINE

postfaktisch. präfaktisch. außerfaktisch.

07.06.2018

 

 Getrübte Badefreuden

Waldbaden - Der neue Trend verspricht u.a. Stressabbau und Entschleunigung. Aber ist  das gehypte Naturerlebnis wirklich uneingeschränkt empfehlenswert?

 

Für Forstwirt Waldemar Fichte ist der Wald praktisch das zweite Zuhause – ein Zuhause, in dem er in letzter Zeit immer seltener alleine ist. Der Grund: Waldbaden, der neue Wellness-Trend für gestresste Großstädter. So positiv es klingen mag, dass sich jetzt immer mehr Leute für „seinen“ Wald begeistern, Fichte beobachtet die Modeerscheinung mit Skepsis. Denn anders als das theoretische Konzept es verspricht, verlaufen die Ausflüge der entspannungswilligen Natur-Novizen bei Weitem nicht immer angenehm – Fichte spricht von 'Waldbade-Unfällen', zu denen er und seine Kollegen immer häufiger anrückten. So habe er gerade vor ein paar Tagen eine junge Frau retten müssen. Die 21-Jährige hatte die Aufforderung „Öffne dich dem Wald und werde eins mit ihm!“ mit so viel Enthusiasmus verfolgt, dass sie sich schon nach unglaublichen zwanzig Minuten mit dem Waldboden verbunden hatte. Ihre Mitbadenden konnten die tiefenentspannt Meditierende, die bereits leicht eingesunken und von Flechten überzogen war, schlicht nicht mehr wieder finden. „Ich habe sie mit dem Hund aufgespürt und aus einem Netz aus Wurzeln und Moosen freigeschnitten“, erzählt Fichte. Ähnlich kritisch der Fall eines Frührentners, der erst nach „langen, intensiven Momenten kribbelnder, wärmender Glückseligkeit“ gemerkt hatte, dass er auf einem Amseisenhügel Platz genommen hatte. Oder die 45-jährige Anwältin, die sich nach der Übung „Baum Umarmen“ schlicht weigerte, den Baum wieder loszulassen. „Die Gruppe konnte erst gehen, als die Dame nach drei Stunden erschöpft zusammenbrach.“ Vorkommnisse dieser Art seien leider keine Seltenheit. Es sei daher unbedingt notwendig, Waldbade-Interessierte im Vorfeld auch umfassend über mögliche Gefahren aufzuklären, mahnt Fichte.

Auch der Hausarzt Dr. Frank Winterling wird in seiner Praxis immer häufiger mit den Risiken und Nebenwirkungen des Waldbadetrends konfrontiert. „Den Wald ganz in sich hinein zu lassen, ist etwas, für das die menschlichen Organe schlicht nicht gemacht sind“, erläutert der Mediziner. So habe er in diesem Monat schon drei Patienten mit einer sogenannten „Grünen Lunge“ behandelt, einer Verfärbung der Atmungsorgane, die durch sehr intensives, bewusstes Einatmen von Waldluft hervorgerufen wird. Im jüngsten Fall habe der Patient drei Tage lang an einer vierspurigen Straße sitzen müssen, bis die Anomalie wieder vollständig behoben war. Zwar seien Grüne Lungen kein ernsthaftes Gesundheitsproblem, Partner oder Kollegen störten sich aber oft daran, dass der Atem der Betroffenen ätherisch sei und nach Fichtennadeln rieche. „Großstädter können da durchaus mit Befremden reagieren“, warnt der Facharzt. Und auch die psychischen Langzeitfolgen des Waldbadens seien oft schwer abzuschätzen. So habe ein Patient mit Burnout neulich auf Anraten seines Psychotherapeuten ein Waldbade-Seminar besucht. Der langjährige Tourenwagen-Fahrer habe zwar schon einen Tag später seinen Beruf wieder aufnehmen können. „Das Entschleunigen hat bei ihm aber so nachhaltig gewirkt, dass er erst eine halbe Stunde nach seinen Mitstreitern gemächlich ins Ziel rollte. Sein Sponsor 'Red Bull' ist noch am selben Tag abgesprungen.“ Auch den Ärzten fehle es hinsichtlich des neuen Trends einfach noch an verlässlichen Erfahrungswerten, gibt der Allgemeinmediziner zu Bedenken. Bis diese vorhanden wären, sei es das Beste, zur Vorsicht zu mahnen.

Im Falle des entschleunigten Tourenwagen-Fahrers hat die Waldbade-Nebenwirkung übrigens doch zu einem Happy End geführt, wie Dr. Winterling uns abschließend noch wissen lässt: „Der Imagewandel ist geglückt. Er fährt jetzt für 'Teekanne'.“

 

 

Bild oben:

Zu viele Unfälle: Einige Forstämter schieben dem Waldbaden einen Riegel vor.