DIE WAHRHEIT ONLINE

postfaktisch. präfaktisch. außerfaktisch.

Weichgezeichnete Wirklichkeit

Nutzer des neuen iPhone Xs  können sich dank Apple-Innovation wieder im Spiegel erkennen


Susanne K.'s Welt ist wieder gerade gerückt. „Das ist schon mehr als merkwürdig, wenn einem aus dem Spiegel eine Fremde entgegen blickt“, sagt sie. Aber der Reihe nach: Alles beginnt damit, dass sich Susanne vor einigen Wochen das neue iPhone Xs kauft. Die technikbegeisterte Hannoveranerin ist hochzufrieden mit dem modernen Gerät. Vor allem die verbesserte Frontkamera mit der automatischen Weichzeichnung hat es ihr angetan. Die 54-Jährige, die in mehreren sozialen Netzwerken aktiv ist, postet und verschickt gleich am ersten Tag an die 100 Selfies. „Man spart ja unheimlich viel Zeit, wenn die Bildbearbeitung gleich integiert ist“, erklärt sie ihren Enthusiasmus. „Ich war restlos begeistert.“

Am Abend dann aber der Schock: Susanne will sich für eine Party schminken und sieht in den Badezimmerspiegel. „Da sah mich jemand an, der kaum Ähnlichkeit mit meinen eigenen Selfies hatte: Falten, Punkte, Rötungen, Unebenheiten. Schrecklich!“ Der Bürokauffrau entfährt ein Schrei, welcher den Tür an Tür wohnenden Reinhold auf den Plan ruft. „Ich habe mich kaum getraut, zur Tür zu gehen“, erzählt Susanne, die dem besorgten Nachbarn schließlich mit beiden Händen vor dem Gesicht öffnet. Dieser muss einige Minuten beruhigend auf sie einreden, bevor sie ihm endlich „das ganze Elend offenbart“. Der selbstständige Kleintiertherapeut, der Susanne nur aus nicht-digitalisierten Zusammenhängen kennt, kann sie beruhigen. „Er sagte, dass er in meinem Gesicht „absolut gar nichts“ erkennen könne, was ihn stören würde“, erinnert sie sich. Trotzdem: Für den Fan bildgespickter Messengerkommunikation ist der Blick in den Spiegel weiterhin „extrem befremdlich“ - bis gestern. Da nämlich kam endlich der von Apple entwickelte Spiegel „iPretty“ auf den Markt. Susanne, die als iPhone Xs-Besitzerin einen 20 Prozent-Rabattvorteil erhalten hat, ist erleichtert. Bei dem digitalen Spiegel wird das Realbild automatisch innerhalb von Sekundenbruchteilen weichgezeichnet. „Eine tolle Erfindung!“, schwärmt Susanne, die sich jetzt sogar wieder zu schminken traut, ohne vorher die Kontaktlinsen aus den Augen zu nehmen. Und weil der Spiegel Kamerafunktion und Internetverbindung hat, kann sie das Ergebnis anschließend auch noch direkt posten oder verschicken.

Der iPretty findet übrigens rasenden Absatz, und das nicht nur bei Besitzern des neuen iPhone Xs. Für seinen  Erfinder, Apple-Produktentwickler Thomas Wilford, kommt der Erfolg des neuen Einrichtungsgegenstandes nicht überraschend: „Unser Auge hat sich an weichgezeichnete Bilder gewöhnt, da will es nicht ausgerechnet beim Anblick des eigenen Gesichts mit der harten Realität konfrontiert werden“, erklärt er. Und sein Konzern arbeite bereits an der nächsten Neuheit: der digitalen Brille. Damit beim nicht-virtuellen Treffen mit WhatsApp-Freunden bald auch wieder andere Begrüßungssätze fallen als „Oh mein Gott, was ist denn mit dir passiert?“.

Foto: Die Liebe zum eigenen Spiegelbild dürfte mit dem neuen Apple-Spiegel bei vielen wachsen.