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01.09.2017

Kehrtwende geglückt

Die Bundeswehr hat Ernst gemacht mit der Bekämpfung von Rechtsradikalismus in den eigenen Reihen: Ein spezieller Wesenstest sorgt seit Kurzem dafür, dass nur noch Bewerber mit einwandfreier ideologischer Gesinnung den Dienst mit der Waffe antreten dürfen. Bewerber wie Harald W.


Mit so hohem Besuch hatte Harald W. ganz offensichtlich nicht gerechnet: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen persönlich steht am vergangenen Montag um 9 Uhr morgens mit einem großen Blumenstrauß vor der Tür seines alten, liebevoll gestalteten Bauwagens im Berliner Stadtteil Neukölln. Der 46 jährige, der seinen Alltag nach eigenem Bekunden normalerweise „lieber ein wenig später“ beginnt, staunt nicht schlecht, als er ihr in seiner verwaschenen Lieblingstunika die Tür öffnet. Erst langsam dämmert es dem Hartz IV-Bezieher, der seit einer Indien-Reise von Freunden nur noch „Siddharta“, „oder einfach nur Siddy“ genannt wird, was hier gerade vor sich geht. „Da war dieser komische Bundeswehr-Bewerbungsbogen neulich auf dem Amt“, erinnert er sich. Sein HartzIV-Betreuer, zu dem er nach all den  Jahren ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut habe, habe ihm den Bogen gegeben, und da habe er ihn eben ihm zuliebe ausgefüllt. Nie im Leben habe er damit gerechnet, dass seine Bewerbung Erfolg haben würde. Aber genau das ist nun tatsächlich eingetreten. „Herr W. ist der einzige Bewerber aus ganz Deutschland, der unseren neuen, verschärften Auswahlkriterien entsprochen hat“, erzählt die Verteidigungsministerin und strahlt dabei übers ganze Gesicht. „Wir hatten lange befürchtet, gar niemanden zu finden. Da sind wir jetzt natürlich sehr erleichtert und wollten es uns nicht nehmen lassen, persönlich zu gratulieren.“

Fast 100.000 Bewerbern hatte das Ministerium zuvor eine Absage erteilen müssen, weil sie die alles entscheidenden, neu eingeführten Tests zu Charakter und politischer Gesinnung nicht bestanden hatten. So sei W. der einzige gewesen, der im Fragebogen auf die Frage „Was halten Sie von der Deutschen Wehrmacht?“ überzeugend mit „Alles Verbrecher!“ geantwortet habe. Die Frage „Sind Sie stolz darauf, Deutscher zu sein?“, hatte er ebenfalls als einziger korrekt mit „nein“ beantwortet. „Er hat seine lobenswerte Einstellung sogar mit dem Zusatz untermauert  „Wir sind doch alle Kinder dieser Welt und sollten Hand in Hand durchs Leben gehen“, erzählt die Ministerin sichtlich bewegt. Eine regelrechte Glanzleistung hatte W. schließlich in dem praktischen Wesenstest hingelegt, an dem ebenfalls alle Bewerber außer ihm gescheitert waren:  „Wir hatten eine vollverschleierte Frau mit Kinderwagen vor dem Arbeitsamt postiert“, erzählt  von der Leyen. „Die Kandidaten wussten nicht, dass es sich dabei um eine verkleidete Bundeswehrsoldatin handelte.“ Harald W. bestand auch diese Prüfung mit Bravour. Nicht nur habe er die Dame weder beschimpft noch angespuckt – dies waren die geforderten Mindeststandards - , er habe ihr sogar geholfen, den Kinderwagen die Treppenstufen zum Amt hoch zu tragen. „Damit hat er unsere Erwartungen bei weitem übertroffen“, stellt die Ministerin fest, und der Stolz auf den neu gefundenen Rekruten schwingt in ihren Worten deutlich mit.

Wie die Ausbildung des überzeugten Pazifisten konkret aussehen wird, ist  allerdings noch unklar, da Harald W. zur Erfahrung mit Schusswaffen angegeben hatte, „ so ein Teufelszeug nie im Leben anfassen“ zu wollen. „Da sind im Einzelnen noch Fragen offen“, gibt von der Leyen zu, lässt sich davon in ihrem Optimismus aber nicht bremsen. Sie sei überzeugt davon, dass Harald W. zu genau den Leuten gehöre, die eine moderne Bundeswehr brauche.

Bei Harald W. ist die Freude über seinen unerwarteten Erfolg indes noch nicht ganz spürbar. Er müsse die Geschehnisse erst einmal „bei einem guten Kräuterpfeifchen sacken lassen“, sagt er und verschwindet mit dem Blumenstrauß hinter der regenbogenfarbenen Bauwagentür.


Unser Bild: Schon der Spruch an Harald W.s Bauwagen passt hervorragend zu der neuen Leitlinie der Bundeswehr