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05.06.2017

Wegen grausamer Erziehungsmethode:

Jugendlicher verliert in 30 Minuten 57 WhatsApp-Freunde


Weil er für Mathe lernen sollte, hat ein Vater seinem zwölfjährigen Sohn für eine halbe Stunde sein Smartphone weggenommen - mit schrecklichen Folgen.

Wenn Alex T. seinen WhatsAPP-Account öffnet, kommen ihm jedes Mal die Tränen. "127 Freunde hatte ich", schluchzt er. "Bis vor zwei Tagen." Die anstehende Matheklausur hatte seinen Vater Siegmar T. zu einer sehr zweifelhaften "Erziehungsmethode" verleitet: Für ganze 30 Minuten nahm er seinem Sohn sein Smartphone weg. "Ich hatte ja keine Ahnung, was ich damit anrichte", sagt der 36-Jährige sichtlich betroffen und erzählt uns die ganze Geschichte.

"Ich hatte mit Alex für die Klausur geübt. Es sollte doch nicht wieder eine Fünf werden, wie beim letzten Mal. Während des Übens kamen dann alle paar Sekunden diese WhatsApp-Nachrichten, die Alex beantworten musste. Ich dachte, dass wir uns beide besser auf das Lernen konzentrieren könnten, wenn mal für eine Weile Ruhe ist. Deshalb nahm ich sein Smartphone und legte es in meine Schreibtischschublade".

Der reaktionäre Plan des Vaters schien zunächst sogar aufzugehen. "Er hat mehrere Aufgaben zuende gerechnet. Ich war froh. Aber dann gab ich ihm das Smartphone zurück, und dann..." Siegmar T. versagt die Stimme. Zu schlimm ist die Erinnerung. Als Alex T. nämlich sein Handy wieder einschaltet, nimmt der WhatsApp-Benachrichtigungston kein Ende - und dem Vater dämmert, was er seinem Sohn angetan hat. "Meine Freunde haben mich mehrfach angeschrieben", erzählt uns der Zwölfjährige. "Als ich nicht reagierte, haben sie mich aus ihrer Freundesliste gestrichen. Sie dachten, dass ich nicht mehr lebe oder keinen Kontakt mehr mit ihnen will."

Besonders hart: Auch die Lebenspartnerin des Zwölfjährigen hat sich aufgrund der unüberlegten Handlung des Vaters von ihm verabschiedet. Alex lässt uns an den Geschehnissen der Trennung teilhaben: "Um 17.05 schrieb sie "Na", um 17.08 "Hallo?", um 17.15 "HALLO", um 17.17 "Sprichst du noch mit mir?", um 17.20 "Wohl nicht" und um 17.22 dann "Wünsch dir noch nen schönes Leben". Alex ist jetzt wieder alleine. Das Mädchen, mit dem er schon seit zwei Wochen romantische Nachrichten und Fotos ausgetauscht hatte, hat ihn aus Frust blockiert; er kann keinen Kontakt mehr zu ihr aufnehmen. Eine Festnetznummer oder gar eine Postadresse besitzt er nicht von ihr, ihren Nachnamen kennt er nicht. "Es ist endgültig vorbei", konstatiert er. "Dabei hatten wir schon überlegt, einen Schritt weiter zu gehen und ein Real Date auszumachen."

Zum Glück lässt sich der selbstbewusste Teenager so schnell nicht unterkriegen: In den letzten zwei Tagen ist es ihm bereits gelungen, 42 neue WhatsApp-Freunde dazuzugewinnen. Ein kleiner Lichtblick. Single ist er aber noch immer - trotz drei neu installierter Dating-Apps.

Wenigstens scheint Vater Siegmar seine Lektion gelernt zu haben. "Nie wieder mache ich so etwas", beteuert er. "Ich möchte doch nicht, dass mein Sohn vereinsamt." Eine späte Erkenntnis. Zum Glück noch nicht zu spät.

 

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